Rad & Verkehr

 Hof im Jahre 2084 - eine radrealistische Utopie von Jörg Ogrowsky


Vor vielen, vielen Jahren hatte der ADFC in der Vorstellung seines Radtourenprogrammes 2012 bezweifelt, ob Hof sich jemals zu einer radfahrerfreundlichen Kommune entwickeln könnte. Jetzt im Jahre 2084 stellt sich die Situation ganz anders dar.

Während die Stadt 2012 beim ADFC-Radklima-Test in der Beurteilung durch Hofer Radfahrer gegenüber anderen Städten weit hinten auf einem der letzten Plätze gelandet war, ist die Stadt im Jahre 2082 zur Europäischen Radfahrer- hauptstadt erklärt und endlich dafür ausgezeichnet worden, dass sie den Anschluß an die internationale Entwicklung des Radverkehrs gefunden hat. Nächstes Jahr, also 2085, wird der ADFC zum ersten Mal seine Bundesdelegiertenversammlung in der Freiheitshalle der Saalestadt durchführen!

Und so präsentiert sich Hof im Jahre 2084: Über die ganze Stadt verstreut laden hübsche, praktische und sichere Radparkanlagen, zum Teil mit Gepäckfächern, vor öffentlichen Einrichtungen, Bildungsstätten und Geschäften zum Abstellen der Räder ein. Wo es der Sicherheit dient, bietet die Stadt ein modernes Netz von insgesamt 68 km an. Ansonsten findet der größte Teil des Radverkehrs auf markierten Radstreifen auf den Straßen statt, die sich die Radfahrer mit den anderen Verkehrsteilnehmern fair teilen. Die Fußgängerzone erstreckt sich von der Pfarr bis zum Unteren Tor und ist von der Aufenthaltsqualität nicht mehr mit der Zone Anfang des Jahrhunderts zu vergleichen. Pedelec-Ladestationen gibt es nicht nur vor der Touristen-Information, sondern über die ganze Stadt verteilt. Der fast einstimmige Beschluß des Stadtrates, Monats- und Jahreskarten für die Busse so günstig zu gestalten, dass jeder Haushalt über eine übertragbare und am Abend und Wochenende auf zwei Personen erweiterbare Fahrkarte verfügt, hat bei gleichzeitiger Ausdehnung des Busverkehrs insgesamt dazu geführt, dass der Auto-Individualverkehr in der Stadt abgenommen hat, dass auf ruhigeren Straßen mehr Platz für alle Verkehrsteilnehmer ist, dass mehr Fußgänger in der Stadt unterwegs sind und es auffällig weniger Verkehrsunfälle gibt. Die Straßen und Stadtteile sind sicherer geworden – vor allem aber die Wege zu den Schulen. Die Innenstadt lädt nicht nur zum Einkaufen ein, sondern auch zum Verweilen, zum sich Treffen und Begegnen. Das kulturelle Leben der Stadt wird seit einiger Zeit auch wieder bereichert durch die beiden Straßentheater- und Straßenkünstlerfestivals jeweils zum Frühling und Herbst. So hat die Innenstadt aufgehört, im wesentlichen für den Konsum zu bestehen, sondern eine neue Bedeutung als Lebensraum für die Hofer und Hof Besucher gewonnen.

Wie konnte es zu einer solchen Entwicklung kommen?

Zum einen hat die zwar erschreckende weitere Entwicklung  des Klimawandels plus Erderwärmung dazu geführt, dass die Winter in Oberfranken kürzer und weniger kalt wurden, sodass Radfahren fast das ganze Jahr über möglich ist. Zum anderen hat sich die Stadt Hof nach langen Überlegungen als letzte bayerische Kommune endlich der AfK (Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen) angeschlossen und deren Qualitätsanforderungen nach beträchtlichen Startschwierigkeiten sogar übererfüllt. Dahinter steckt die Erkenntnis bei den Stadtoberen, dass dem Radfahren nicht nur eine gesundheitliche und autoverkehrsentlastende Bedeutung zukommt, sondern dass es auch die Mobilität der Menschen in einer Stadt erhöht. Hinzu kam die im Grunde erstaunliche Einsicht, dass das Pedalieren keine groben oder feine Stäube verursacht und keine schädlichen Gase ausstößt. Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass sowohl die Stadt mit ihren zahlreichen Ämtern als auch die Diakonie Hochfranken mit ihren ambulanten Diensten, die AOK und mehrere größere Betriebe eine Flotte von Diensträdern und Dienstpedelecs angeschafft haben. Bei privaten Neuanschaffungen erstatten manche sogar einen Teil des Kaufpreises. Inzwischen wird 45 Prozent des Hofer Verkehrs mit dem Rad „bewältigt“: 2012 waren das noch schlappe 1,8 Prozent! Betriebe, städtische Dienststellen und Hofer Schulen beteiligen sich jedes Jahr in einem freundschaftlichen Wettbewerb an der Aktion der Krankenkassen „Mit dem Rad zur Arbeit und Schule“. Die Teilnehmerzahl ist von bescheidenen Anfängen über die Jahre eindrucksvoll gestiegen: auf 17 582 im Jahre 2083.

Zweimal im Jahr kommen Vertreter des Bauamtes, des Bauhofes, der Polizei, der Hofer Busgesellschaft und des ADAC mit dem ADFC sowie interessierten Radfahrern zum „Runden Tisch“ zusammen und besprechen Radverkehrsangelegenheiten. Ebenfalls zweimal im Jahr befahren sie (auch ein Vertreter der Hofer Fahrschulen ist zugegen) in einer öffentlichen Aktion mit der Oberbürgermeisterin die Stadt, um kritische Stellen vor Ort zu besichtigen und gleichzeitig das Radfahren zu demonstrieren. „Critical Mass“ hat schließlich auch Einzug in Hof gehalten: jeden letzten Freitag des Monats treffen sich etwa 600 bis 700 Radler am Kugelbrunnen und durchqueren ihre Stadt auf immer neuen Routen.

Der ADFC-Hof  hat sich weiterentwickelt von einem reinen Raderlebnisverein und Einkehrmeister zu einem Radtourenanbieter von Thementouren in Hof bis hin zu Radreisen ins In- und Ausland in Zusammenarbeit mit der örtlichen Touristen-Information. Er gestaltet Radverkehrsstrukturen im Kern- und Außenbereich der Stadt mit und arbeitet auf Augenhöhe mit Behörden, Architekten und Stadtplanern. Des weiteren ist er stimmberechtigtes Mitglied im erwähnten „Runden Tisch“. Inzwischen hat der ADFC eine eigene Jugendgruppe aufgebaut – die Zeiten, als er beinahe ein geschlossener Verein rüstiger Senioren war, ist bereits seit vielen Jahren vorbei! 

Im letzten Jahr hatte er 736 Mitglieder: auf dieser Grundlage konnte der Verein im ehemaligen Zentralkauf am Strauß nicht nur ein Büro, sondern auch eine kleine Selbstbastlerwerkstatt einrichten. Als großräumiges Radparkhaus wird das lange umstrittene Gebäude schon seit 2056 genutzt. Das alte E-Center hat damit endlich seine Bestimmung gefunden!

Die Verbreitung des Fahrrades als modernes Verkehrsmittel wurde durch mehrere radtechnische Entwicklungen erleichtert. Dank der Erfindung des Pedelecs und der Kettenschaltung mit 30 Gängen Ende der 50-er  Jahre konnte man auch in Hof trotz der widrigen Topographie radfahren. Erst jetzt haben viele Hofer und auch der damalige Bürgermeister das Potential und den großen ökologischen Nutzen dieses in den Jahren davor gering geschätzten Verkehrsmittel erkannt. Mehr Straßen haben erfahrungsgemäß auch immer mehr Verkehr nach sich gezogen.

So hatten  die meisten straßenbaulichen Maßnahmen der Stadt und des Landkreises schon lange vor 2084 nicht die erwünschte Entlastung gebracht. Trotz abnehmender Bewohnerzahlen hatte sich der Verkehr (man denke nur an die Ernst-Reuter-Straße) erhöht. Das Angebot besserer Radverkehrsstrukturen hat seitdem zu einem Rückgang des Auto- Individualverkehrs geführt, ein Umstand, den inzwischen auch einige Stadträte der CSU genießen, die sich so etwas nicht haben vorstellen können. Unterstützend kam der Ausbau des Schienengüterverkehrs hinzu, der die Belastung durch den LKW-Verkehr verringert hat.

Umfragen in Hof, im Landkreis sowie unter Radtouristen haben ergeben, dass die Menschen anfangen, weniger in ferne Länder zu fliegen und ihren Urlaub zum großen Teil regional verbringen. Auch viele Hofer haben nach vielen Mühen erkannt, welche Annehmlichkeiten und Vorteile das Radfahren bietet: sie verbinden Einkaufen in der Innenstadt mit einem Aufenthalt dort, sie halten sich viel mehr draußen auf, besuchen Freunde oder radeln gemeinsam zur Arbeit – die Radabstellanlagen an den Badeseen um Hof quellen über! Diese Entwicklung wird durch das gepflegte Radwegenetz im Landkreis und die guten Anbindungen an andere Regionalradwege sowie Radfernwege nach Sachsen und Böhmen gefördert. „Genußregion“ ist jetzt Wirklichkeit geworden: nicht nur für die Radreisenden, sondern auch für die regionale Gastronomie. Radklimatests des ADFC bestätigen immer wieder, dass die Lebensqualität in der Stadt in allen Beziehungen gestiegen ist, dass  die Menschen genießen, dass der öffentliche Raum nicht länger für den Auto-Individualverkehr privatisiert ist, sondern allen Verkehrsteilnehmern offen steht, zwischen denen sich eine zuvorkommende Umgangskultur entwickelt hat. Für die wenigen Fahrradrowdys (früher „Kampfradler“) stellt das richterliche Fahrradbenutzungsverbot von mindestens einem Monat die höchste vorstellbare Strafe dar…